Eines Morgens wachte ich auf und wusste, ich musste in die Berge. Ich überlegte und überlegte, und wusste nicht so recht wohin genau ich fahren sollte, der Himalaya ist ja doch recht groß und Indien deckt einen nicht unerheblichen Teil davon ab. Nach Ladakh und Leh?! In die staubige, steinige Einöde?! Interessant, aber für den Moment nicht das Richtige … Einen Morgen später, Frühstück mit Wangchuk, einem der Mönche, brachte die plötzliche Klarheit: Sikkim. Auf dem Weg dorthin liegt Darjeeling, wollte ich schon letztes Jahr sehen, wird gleich mit nachgeholt. Super Plan. (Auch um meine aus Dtl. mitgeschleppten Pullover mal zu tragen, damit sie nicht ganz umsonst waren.) Es war Samstag und für Sikkim braucht man eine spezielle Genehmigung, da es noch umstrittenes Grenzgebiet zu China ist. China hat die Zugehörigkeit zu Indien nie anerkannt. Die Genehmigung ist eher eine Registrierung, eine Art Visa für 15 Tage, kostenlos, eine Sicherheitsmaßnahme, damit auch nach mir gesucht werden kann, wenn ich nach 15 Tagen, das Land nicht wieder verlassen habe.
Ich mache mich sofort auf, Genehmigung und Zugticket kaufen, 36h später sitz ich im Zug Richtung Osten. Mit der entsprechenden Ausstattung an Obst und Büchern verging die Zeit wie im Flug. Eine ungewöhnlich lange Pause am zweiten Tag, machte mich etwas nervös, das kleine Mädchen im meinem Compartment brachte die Schreckensnachricht, es ginge erst 7h später weiter….!! Jagut, wir hatten eh schon 5 Stunden Verspätung, 7 weitere machten da das Kraut auch nich mehr fett. Immerhin standen wir an einem gut ausgetsatteten Bahnhof, sodass zumindest meine Fettreserven nicht in Gefahr waren, mit ausreichend Imbisständen und schattigen Plätzchen ließ es sich aushalten. Der Bruder des Mädchens holte ein Schachspiel aus der Reisetasche und wir lieferten uns zwei spannende Partien, zur Freude der restlichen Erwachsenen und seiner größeren Schwester. Aber soviel denken machte mich hungrig, zum Nachmittagstee bekomme ich heiße Milch und Kekse, kostenlos von den Indian Railways als Entschädgigung für die lange Wartezeit ausgegeben. Bei dieser Gelegenheit erfahre ich auch, warum wir festsitzen: Streik der linken Parteien gegen den Anstieg der Lebensmittelpreise.
Danach holte ich meine “Very Special Playing Cards” raus und lernte nun vom zweiten Bruder eine indische Skat-Variante mit den dazugehörigen Hindi-Vokablen. Später erklärte ich ihnen MauMau, und die buthanesische Lady vom anderen Upper-Bed mischte sich noch mit “Schwarzer Peter” ein. So waren wir gut beschäftigt bis der Zug wieder anrollte. Aber schon beeindruckend wie ruhig die Kinder in den Zügen immer sind, bedenkt man, dass die Eltern fast den ganzen Tag dösen und sich nur mit ihnen beschäftigen, wenn sie was zu essen geben.
Im Jeep auf den Serpentinen nach Darjeeling hoch (2.100 m), begrüßten mich Kälte, Regen und eine wunderschöne Aussicht, erst auf grüne Hügel, dann auf funkelnde Städte an Berghängen im Dunkel der Nacht. Als wir gegen 21 Uhr ankommen sind die Bürgersteige schon längst hochgeklappt. Der Regen hat alle von den Straßen vertrieben, Unterkunft mit grandiosem Ausblick und ein paar Momos zum Abendessen waren aber schnell gefunden.
Darj ist viel schnuckliger als ich gedacht hatte und hügliger als befürchtet. Da brauch man gar keine Passbesteigung, nach drei Tagen Sightseeing und Lebensmitteleinkauf man auch 3.000 Höhenmeter gesammelt. Will man sich nicht die ganze Zeit auf den befahrenen Serpentinen der Stadt voll hupen lassen, sollte man Ausschau nach einem Strom Einheimischer halten, der hinter einer Hausecke verschwindet - die Abkürzungen durch die schmalen Gassen, die die parallel verlaufenden Hauptstraßen des Ortes durch steile Treppen miteinander verbinden, sich durch Innenhöfe und Gebäude winden, sind nämlich gar nicht so leicht zu finden …
Aussicht auf schneebdeckte Hügel habe ich in Darj nicht, aber eine Schautafel gibt Auskunft über das momentan durch Wolken verdeckte Panorama. Die kleinen Wölkchen zwischen den grünen Hügeln machen aber auch was her.
Grün war auch der Tee, der auf der “Happy Valley Tea Estate” wuchs. Ich war der einzige Besucher an diesem Vormittag und bekam eine kleine Führung durch die Fabrikhallen, in denen noch Machinen von 1850 (!) genutzt werden. So alt sind auch einige der Teepflanzen die gerade den First Flush liefern, der leuchtend grün vor mir liegt. Nachdem ich noch sehe, wie er gerollt und handverlesen wird, darf ich die Plantage erkunden. Und so streune ich Hügel rauf, Hügel runter bis ich an vorderster Hügelfront stehe und das komplette Tal vor mir sehe. Der Rückweg ist ganz schön beschwerlich, einige Höhenmeter, die ich zurück zur Hauptstraße wieder hochkraxeln muss.
Ich finde durch Zufall die einzige Kneipe Darjs, die länger als bis 22 Uhr auf hat, lese, trinke Whiskey und knabber Popcorn bis sich zwei Amerikaner zu mir gesellen, die beide schon seit ein paar Jahren in Barcelona leben (Für den nächsten Urlaub billige Unterkunft gesichert!
). Auf dem Nachhauseweg herrschten bereits die Hunde über die Straße, klefften und jagten sich durch die Vollmondnacht. Ich genoß den Anblick der kolonialen Architektur, die um diese Uhrzeit nicht von den üppigen Warenauslagen und Werbeschildern der Läden verdeckt wurde.
Am nächsten Morgen weckte mich tiefes Donnergrollen und heftiger Regenfall. Auf meiner kleinen Terasse prasselte ganz schön was runter, Sichtweite 1m. Ich steckte mitten in einer Wolke, kroch unter meine Decke und fühlte mich sauwohl, wie an einem diesigen Sonntag im Herbst, wo man das Haus nicht verlassen braucht. Der kleine Kater, der sich vom gestrigen Abend dazu gesellte, passte hervorragend zu meiner Stimmung.
Die Fahrt nach Gangtok, der Hauptstadt Sikkims verbrachte ich mit einer zuckersüßen indischen Familie und einem etwas schüchternen und wortkargen Japaner. Gangtok war groß und regnerisch und keiner hat mir den Schalter für den Wasserboiler gezeigt, weshalb ich tapferes Mädchen eine kalte Dusche bei gefühlten 10 Grad Außentemperatur nehmen musste … brrrr!! War allerdings schnell vergessen als ich meinen Bauch mit einer großen Schüssel heißer tibetischer Hühnersuppe füllte.
Sikkim wirkt irgendwie sehr aufgeräumt und organisiert. Es ist sauber, kein Müll liegt auf den Straßen, vielmehr noch es gibt Mülltrennung! Die Straßen sind asphaltiert und ausreichend an beiden Seiten gesichert – was in Indien auch selten der Fall ist, vor allem in den Bergregionen. Allerdings sind Treks nur in Gruppen (mind. 2 Personen) und über Reisebüros mit Führer erlaubt, für viele schöne Trekkinggebiete, braucht man zudem noch Zusatzgenehmigungen, die man ebenfalls wieder über ein Reisebüro erhält. Meine Abenteuerlust spricht das nicht gerade an und ob der knappen Zeit, mache ich die restlichen Tage Urlaub in Rumtek, ein kleiner Ort mit zwei Kagyu-Klöstern auf der gegenüberliegenden Talseite von Gangtok.
Der Kulturrevolution in Tibet fiel auch das Hauptkloster der Kagyus zum Opfer, weshalb der 16. Karmapa in den 60ern einen Nachbau in Rumtek initiierte und als seinen neuen Hauptsitz nutzte. Seine Asche wird dort noch in einer goldenen Stupa aufbewahrt und neben dem Kloster gibt es ein Institut für buddhistische Philosophie für Mönche. Quasi ein größeres Kibi. Die Aussicht war unbeschreiblich, konnte dort stundenlang auf einer Bank sitzen und den Wolken beim wandern zuschauen. Wenn ich nicht gerade auf dem Balkon meines kleinen familiären Guesthouses gelesen oder gegessen habe, im Dschungel auf Himbeeren-Jagd war oder mich abends auf nen Plausch im Dorf (sechs Häuser mit Restaurants und kleinen Grocery-stores) getroffen.
Die zweite Monastry war kleiner und älter und voll mit Mini-Mönchen – zuckersüß! Direkt an der Ostspitze des Bergmassivs gelegen hatte man einen genauso wunderbarem Ausblick und ich ging gern im Morgengrauen zu den ersten Puja’s (inkl. salzigem Buttertee + Hefeteilchen Frühstück).
All die Tage habe ich auch in Rumtek keine schneebedeckten Berge gesehen. Hat mich zunächst ganz schön enttäuscht, den ganzen weiten Weg nach Sikkim auf mich genommen, dann die ganze Zeit Wolken und keine Berge für Katrin. Aber als ich so auf meinem Balkon saß, sich die Wolken über mir lichteten und strahlend blauer Himmel zum Vorschein kam, wurde mir klar – Hey, eigentlich ist der Himmel immer blau und die Sonne scheint auch immer, eigentlich ist immer schönes Wetter und der Himalaya ist auch immer da – man kann ihn/sie nur nicht immer sehen. Das ist alles, kein Grund Trübsal zu blasen. Alles eine Frage der Einstellung. Buddhistisch interpretiert wäre das Trübsal blasen das Leiden und die Wolken die Unwissenheit, welche überwunden werden muss, damit man Erleuchtung erlangt – oder zumindest sein Leiden mindert …
Ich hatte meine Lektion gelernt und am nächsten Morgen war der Himmel im Westen klar und gab endlich den Blick frei, bis hinüber nach Tibet und Buthan. Gefreut wie ne Schneekönigin hab ich mich. Nach kurzer Zeit kamen fette Regenwolken und hüllten mich wieder ein, aber das war egal – wusste ja jetzt ganz sicher, was sich hinter ihnen verteckt.
Nachtrag: Den “Happy Valley Tea” gibt’s übrigens auch im Piloten, freu mich schon drauf, ihn dort mit euch zu trinken!!





































































